Freude & Leid

Jagdpraxis: Schwarzwild

Sauen begeistern und entzweien die Jägerschaft gleichzeitig. Wer sie nicht im Revier hat, der sehnt die edlen Schwarzen herbei – wer sie hat und den Wildschaden zahlen muss, der sieht die Schwarzkittel mit anderen Augen. Noch gibt es relativ wenig Schwarzwild bei uns, doch das kann sich schnell ändern!
BacheFrischM.Migos.jpg © Michael MigosGrößer Nur ein leises Knacken. Langsam schiebt sich eine stärkere Sau vorsichtig an den Bestandesrand. Keine 50 Meter ist das Stück entfernt. Keiler, Bache oder Überläufer, sind da noch mehr Stücke im Wald? Noch kann ich die Sau nicht genau ansprechen, denn noch ist zu wenig von ihr zu erkennen. Dann steht sie plötzlich im Freien, nur wenige Meter trennen sie vom meterhohen Mais. Ich sehe das Kurzwildbret, aber keine Waffen, und auch der so typische Keilerbuckel fehlt. "Rumms!" ist der Schuss draußen und der Überläuferkeiler verschwunden. Doch nurwenige Meter vom Anschuss entfernt höre ich das Stück schlegeln. Ein gutes Zeichen, doch mit dem Ausgehen der Fluchtfährte warte ich noch ein halbes Stündchen. Wie sagt mein afrikanischer Berufsjägerfreund immer: "It´s the dead ones that kill you …" Als ich dann am Keiler(chen) stehe, ist dieser doch etwas "geschrumpft" – 38 Kilogramm aufgebrochen soll die Waage später zeigen.

Weltweit erfolgreich

Fortpflanzungsraten von mehr als 200%, eine enorme Intelligenz gepaart mit der Anpassungsfähigkeit eines ausgesprochenen Kulturfolgers machen das Schwarzwild zu einer der erfolgreichsten Wildarten weltweit. Noch ist das Schwarzwild in unserer schönen Alpenrepublik keine Massenware. Jedoch es kann sich schnell entwickeln vom eher seltenen Besucher unserer Reviere bis zum reichlich vorhandenen Standwild. Zwar werden die Sauen nicht in alpine Regionen vorstoßen, hier ist das Fraßangebot zu gering, doch sind potenziell die meisten einheimischen Lebensräume durchaus geeignet, um Schwarzwild dauerhaft zu beherbergen. Sus scrofa, soder lateinische Begriff für das Schwarzwild, setzt mittlerweile seinen Siegeszug in lange unbesiedelten Gebieten wie Skandinavien und selbst in Großbritannien fort. Der komplette eurasische Raum ist fest in "Schwarzwilds Hand".

Südlich des Schwarzen Meeres ziehen starke Keiler in der Türkei und im Iran ihre Fährten. Pakistan bietet seit Jahrzehnten gute Saujagden an. Im dschungarischen Alatau Kasachstans erlegte ein Jäger im vergangenen Jahr einen starken Keiler auf knapp 3.000 Meter über N.N.! Russland westlich des Urals und das komplette Baltikum haben starke Sauen.
Grundsätzlich lässt sich übrigens feststellen, dass die Sauen, je weiter man östlich kommt, immer stärker werden. Keiler mit Gewichten bis zu 300 (!) Kilogramm aufgebrochen kommen bereits in Lettland vor. Wildbiologenmachen für diese enormen Zahlen mehrere Faktoren aus: Zum einen das raue Klima, dem nur die vitalsten Stücke trotzen, zum anderen den Beutegreiferdruck, den Wolf und Bär verursachen. Stark vereinfacht gesagt: Die Sauenpopulation wächst gegen die Fressfeinde körperlich an.

Zwischen Kirrung, Drückjagd und Pirsch

Zurück in heimische Gefilde: Die verbreitetste Form der Saujagd in Europa ist das Ankirren – mit anschließender Liquidation eines Stückes auf geringe Distanz. Jagdlich eine der primitivsten Formen unseres Handwerks, aber mit gewissen Vorteilen, was die Selektion angeht. Wenn die Sauen die Kirrung angenommen haben, hat man die Möglichkeit, die Stücke einzeln zu betrachten und das Passende zu erlegen. Groß ist hierbei aber die Gefahr, dass andere Stücke, die seitlich versetzt hinter dem Beschossenen stehen, durch Splitter verletzt werden. Man sollte immer versuchen, die Sau zu beschießen, die ganz am Rande und möglichst auf der abgewandten Seite der Rotte steht.

Die Kirrung muss regelmäßig beschickt werden und mit Hilfsmitteln wie Fässern (Kirrtonnen oder schweren Kirrhölzern), aus denen das Kirrgut, zumeist in Form von Mais, aus kleinen Löchern herausrieselt, wenn die Stücke die Kirrtonne bewegen. Schöner Nebeneffekt des hohen, aber erholsamen Waidwerks an der Kirrtrommel ist zumeist, dass man dem Schlaf dieser nächtlichen Ansitzarien wieder entrinnt, wenn die Sauen am Futtertrog stehen. Beim Versuch, an das gelbe Gold heranzukommen, machen sie genügend Krach, sodass Mann oder Frau dem Schlafe nicht komplett ins Garn geht.

Grundsätzlich ist die Kirrung etwas, das uns hilft. Solange man es nicht übertreibt mit den dargebotenen Leckerlis für die Schweinderl. Wenn sich Futterhaufen meterhoch auftürmen, dann hat das mit einer Kirrung nichts mehr gemein. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Kirrjagd in weiten Kreisen des deutschen Nachbarlandes stark in Verrufung geraten, denn in einigen Revieren wird aus der offiziellen Kirrung mit wenig Futter immer noch allzu schnell eine (verbotene) Fütterung.Eine spannendere Form der Saujagd ist die Drückjagd. Bei gut organisierten Drückjagden können erhebliche Strecken gemacht werden – wenn im Vorfeld der Jagd auch erhebliche Anstrengungen unternommen worden sind. Man braucht schneidige Hunde und Meuteführer, die ihr Handwerk verstehen, disziplinierte Treiber und umsichtige Jager. Dann müssen die Schützen gut mit ihren Büchsen umzugehen wissen, damit zum einen die richtigen Stücke erlegt werden (keine führenden Bachen) und zum anderen die Schüsse sauber angetragen werden. Das ist für viele von uns nicht einfach, denn der Schuss auf flüchtiges Wild erfordert viel Übung. Schnell sitzt die Kugel dann nicht dort, wo sie sitzen sollte. Das kann Leid verursachen beim angeschweißten Stück, was keinem verantwortungsvollen Jager schmecken kann. Abhilfe schafft der regelmäßige Besuch eines Schießkinos, wo man jagdliche Situationen recht gut trainieren kann. Schließlich soll ja bei der Jagd auch hervorragendes Wildpret gewonnen werden. Der Anblick einer komplett zerschossenen Strecke ist fürchterlich, dann wird aus ordentlicher Jagd ein grausiges Gemetzel. Die Pirsch ist schließlich die spannendste Form der Saujagd – und die schwierigste. Hier tut man gut daran, sich bei gemischten Rotten immer auf das kleinste Stück zu konzentrieren. Besonders winterliches Pirschen mit Schneehemd ist ein Hochgenuss.

Immer auf die Kleinen?

Wer auf Nummer sicher gehen will, wenn mehrere Stücke anwechseln, der sollte immer das kleinste Stück der Rotte ins Visier nehmen. Frischlinge sind als solche deutlich erkennbar, denn sie sind die geringsten Stücke der Rotte. Der Wurf ist kurz, die Formen noch kindlich unausgewachsen. Bei Licht am leichtesten erkennbar ist ihre Farbe, die sie von den älteren Stücken unterscheidet: Sie sind braun, ältere Stücke viel dunkler. Zudem haben die Frischlinge eine sehr kurze Quaste, die nur bis zur Mitte der Keulen reicht und noch gering behaart ist. Bei alten Sauen reichen die Borsten der Quaste bis fast zum Boden.

Reduktion

Bache_M.Migos.jpg © Michael MigosGrößer Doch wie sieht es aus, wenn man versucht, die Population des Schwarzwildes tatsächlich zu reduzieren? Idealtypisch denken wir an größere Rotten, die aus einer starken Leitbache und ihren Frischlingen sowie geringeren Beibachen und deren Frischlingen bestehen. Logischerweise wird man die Leitbache immer schonen, denn zum einen führt sie ihre Frischlinge ja, zum anderen gibt sie in der Rotte den Ton an. Wenn es also nach der "Alten Tante" geht, dann hat sie wesentlichen Einfluss auf die Rausche und deren Synchronisation (Wildbiologen streiten vehement über die Frage, ob es die Rauschzeitsynchronisation in europäischen Schwarzwildpopulationen gibt, siehe Interview mit Prof. Walter Arnold auf Seite 11), zum anderen aber auch auf die Rauschunterdrückung bei den Frischlingen.
Frischlinge können bereits erfolgreich beschlagen werden.
Daraus, dass diese unerfahrenen Stücke dann, oftmals noch zur Unzeit, die nächsten Zuwachsträgerproduzieren, erwächst ein wildbiologisches und jägerisches Desaster: Wir alle wissen, was passiert, wenn Kinder Kinder kriegen …

Schusshartes Wild?

Sauen reagieren auf einen sauber angetragenen Kammerschuss mit einem hochwildtauglichen Kaliber in der immer gleichen Art und Weise: sie verenden. Natürlich gibt es kaliber- und laborierungsabhängige Unterschiede, die sich in den unterschiedlich langen Todesfluchten zum Ausdruck bringen. Selbst bei guten Treffern flüchten die Sauen manchmal noch beachtliche Strecken von mehreren hundert Metern. Vor allem beim Schuss an der Kirrung gilt es, ein eher langsames, durchmesserstarkes Kaliber zu wählen (ab 8 mm) mit relativ weichem Geschoss. Warum? Zum einen setzen sich Ausschüsse bei flüchtenden Sauen sehr schnell zu. Dann fehlt der Schweiß in der Wundfährte. Je größer der Ausschuss, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, viel Schweiß in der Fluchtfährte zu finden.

Man hört immer wieder, dass man keinen Schweiß am Anschuss gefunden habe, der Schuss also vorbeigegangen sein müsse. Nichtsdestotrotz sollte man tunlichst jeden Anschuss mit einem tauglichen Hund kontrollieren. Erfahrene Schweißhundeführer können Bücher füllen mit Nachsuchen auf Sauen, die "gefehlt" worden sind. Da die meisten Schüsse an Kirrungen auf kurze Distanz abgegeben werden (30 bis 60 Meter), gibt es kaum Fehlschüsse. Auf diese geringen Entfernungen aber sprechen rasante Kaliber kaum an, d. h. sie durchschlagen den Wildkörper, ohne viel Energie abzugeben. Tödlich verwundete Stücke flüchten dann oft noch weit. In der Nacht und ohne Hund ist man schnell am Ende seines Lateins, und gerade in den wärmeren Monaten ist eine Sau schnell verhitzt und kann am nächsten Morgen nur noch dem Abdecker zugeführt werden. Schade drum, denn das Wildpret ist vorzüglich.

Expertengespräch zum Schwarzwild

Arnold(C)R.MARTIN.jpg © Rüdiger MartinGrößer St. Hubertus hat Prof. Dr. Walter Arnold von der Veterinarmedizinischen Universität Wien zum Thema interviewt.

St. Hubertus: Wie beurteilen Sie die momentane Situation des Schwarzwildvorkommens in Österreich, bezogen auf Vermehrungspotenzial und bestehenden Lebensraum?

Prof. Dr. Walter Arnold: Das Schwarzwild nimmt in Österreich weiterhin zu. Verringerte Zuwachsraten oder gar rückläufige Abschusszahlen nach Jahren mit harten schneereichen Wintern sind normal und sprechen nicht gegen den grundsätzlichen Trend. In den Hauptvorkommensgebieten Niederösterreich (NÖ) und Burgenland hat man vielerorts mittlerweile (wieder) gelernt, mit dem enormen Vermehrungspotenzial des Schwarzwildes umzugehen. Wo der Wille und das Vermögen wirklich vorhanden ist, scheint man das Schwarzwild im Griff zu haben. Wichtigste Voraussetzung: Nutzung aller jagdlichen Möglichkeiten (Ansitz- + Bewegungsjagd), äußerste Zurückhaltung bei der Kirrung, keine Fütterung! In Gebieten, in denen das Schwarzwild noch seltener ist (Ausbreitungszonen), verführt die Attraktivität einer neuen Wildart im Revier zu häufig noch zu falschen Reaktionen: Fütterung (oft schön geredet als "notwendige" Kirrung), unzureichende jagdliche Eingriffe, vor allem bei den Frischlingen und Überläufern, übertriebene Bachenschonung. Die Folge ist eine ungebrochene Ausdehnung des Schwarzwildes, selbst in untypische alpine Lebensräume.

St. Hubertus: Wie sieht Ihres Erachtens die richtige, sprich zukunftsweisende Bejagung des Schwarzwildes aus? Wozu raten Sie den Jägern, die noch wenig Erfahrung mit den Schwarzkitteln haben?

Prof. Arnold: Alle jagdlichen Mittel nutzen, wobei die Erfahrungen aus Deutschland zeigen, dass gekonnte Bewegungsjagden viel effektiver sind als die Ansitzjagd. So viel Frischlings- und Überläuferabschuss wie möglich! Keine Fütterung! Auch die sogenannte "Ablenkfütterung" ist eine ungeeignete Maßnahme zur Eindämmung von Schwarzwildschäden. Selbst wenn es gelingt, damit Schwarzwild kurzfristig von schadensanfälligen Kulturen fernzuhalten, werden im nächsten Jahr umso mehr Stücke wiederkommen!

St. Hubertus: Was sind die größten Fehler, die man als Saujager machen kann?


Prof. Arnold: Selbstbeschränkung bei der Jagd und Füttern, Selektionsabschuss. St. Hubertus: In Gegenden, wo viel Niederwild vorkommt, dem Burgenland etwa, vermehrt sich das Schwarzwild stark. Ist das eine Gefahr für das Niederwild? Prof. Arnold: Ja durchaus. Schwarzwild braucht auch tierisches Eiweiß und holt sich dieses natürlich bei jeder Gelegenheit, nicht nur durch Fraß von Würmern oder Kleintieren. Es gibt sogar verlässliche Berichte von echtem "Räuber"-Verhalten des Schwarzwildes.

St. Hubertus: Wenn man den Blick gen Deutschland richtet, dann sieht man dort eher ein Schwarzwild-Dilemma: Ausgeuferte Bestände, Anfeindung der Jäger durch die Landwirte (Schweinepest, Wildschäden), schlechte Sozialstruktur des Schwarzwildes mit wenig reifen Stücken, ja mittlerweile der Ruf nach der behördlich verordneten Pille für die Sau – trotz immer höherer Abschusszahlen. Mittlerweile trauen sich in bestimmten Landstrichen die Jäger nicht mehr zu pachten, weil die Wildschäden ein Vielfaches der Pacht ausmachen. Droht uns das gleiche Schwarzwild- Szenario?

Prof. Arnold: Ohne Zweifel. Nach den Abschusszahlen zu urteilen, sind bei uns die Schwarzwildbestände selbst in den Kerngebieten NÖ und Burgenland derzeit bestenfalls halb so hoch wie in den schwarzwildreichsten Gegenden Deutschlands.

St. Hubertus: Wie sieht die natürliche und anzustrebende Sozialstruktur des Schwarzwildes aus? Wie wichtig ist diese bezogen auf Rauschsynchronisation, also auch den Zeitpunkt des Frischens und auf die Frage, welche Bachen beschlagen werden?

Prof. Arnold: Die Bedeutung dieser Faktoren wird total überschätzt. Die angebliche Unterdrückung der Fortpflanzung bei jüngeren (Frischlings-)Bachen durch die Leitbache ist ein jagdliches Märchen! Eine solche Reproduktionskontrolle gibt es zwar bei sozial lebenden Wildtieren, aber erst bei ernsthafter Konkurrenz um Ressourcen. Eine solche Situation ist in ganz Europa beim Schwarzwild nicht gegeben, und es gibt keinen einzigen schlüssigen Beweis für eine Reproduktionskontrolle durch die Leitbache. Auch eine Störung der Rauschsynchronisation ist für eine Eindämmung des Populationswachstums eher von Vorteil. Die früh im Jahr geborenen Frischlinge tragen am meisten zum weiteren Wachstum des Bestandes bei. Wenn alle Frischlinge synchron früh im Jahr geboren werden, wird das Wachstum der Population also angeheizt. Jede unnötige Selbstbeschränkung in der Jagd auf Schwarzwild ist kontraproduktiv. Natürlich sind jagdethische Gesichtspunkte wichtig, und die säugende Mutterbache ist zu schonen. Spätestens nach der Entwöhnung darf ein übertriebener Hang zur Schonung "führender" Bachen jedoch nicht dazu führen, dass zuwenig jagdlich eingegriffen wird.

St. Hubertus: Ab welchem Alter werden die Bachen frühestens beschlagen und wovon hängt dies ab?

Prof. Arnold: Früh im Jahr geborene Frischlinge erreichen noch im Geburtsjahr die Geschlechtsreife und können beschlagen werden. Dies ist ausschließliche eine Frage des Körpergewichtes. Je mehr Zeit zum Wachstum vorhanden ist (früher Geburtstermin) und je besser die Ernährungssituation ist, umso mehr Frischlingsbachen werden beschlagen.

St. Hubertus: Trauen Sie sich eine Einschätzung der Sauen-Situation Österreichs in zehn Jahren zu?

Prof. Arnold: Wenn es nicht gelingt flächendeckend und rasch die Fehler im Schwarzwildmanagement zu beseitigen, wird die Explosion des Schwarzwildbestandes so weitergehen! Wir sind derzeit noch immer in der Situation ungebrochenen exponenziellen Wachstums.

St. Hubertus: Danke für das Gespräch.
16.07.2010 08:00

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