Hoffnungslos?

Von der Wiederbelebung einer alten Querflinte

Welcher passionierte Flintenjäger verbindet mit seiner Flinte nicht unvergessliche Jagderlebnissse? Und welcher viel geführten Flinte sieht man im Laufe der Zeit ihr bewegtes Leben nicht an? Jetzt, rechtzeitig vor Beginn der Niederwildsaison, werden sicherlich einige Jäger über den Erwerb einer neuen Flinte, die den "alten Prügel" ersetzen soll, nachdenken. Doch es muss nicht immer eine neue Waffe sein.
Reportage Suhl.jpg © Axel H. StorchGrößer "Zeig mal her, das gute Stück", forderte mich der schlaksige Sachse auf. Ich war der Jagdeinladung meines Freundes Christian gefolgt und habe ihm voller Stolz von meinem Neuerwerb berichtet. Vor Kurzem habe ich mir einen kleinen Traum erfüllt und mir eine alte Querflinte im Kaliber 16/70 zugelegt. An sich nichts Besonderes, aber seit meiner ersten Gesellschaftsjagd in den neuen Bundesländern wuchs in mir der Wunsch nach einer Flinte aus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik mit einem stilecht montierten "Ziel 4"; einem Zielfernrohr mit vierfacher Vergrößerung. Als gebürtiger Niederösterreicher fand ich diese Zusammenstellung zunächst ungewöhnlich. In der DDR war diese Kombination für viele Jäger jedoch die einzige reelle Möglichkeit, Schalenwild gezielt auf größere Entfernung mit einem Flintenlaufgeschoss zu erlegen, da die meisten Jäger nicht über eine Büchse verfügten.

Wunsch nach einer Suhlerin

Im Laufe der Zeit verfestigte sich mein Wunsch, ebenfalls eine solche Flinte zu führen, zumal ich von der möglichen Präzision begeistert war: einem Freund gelang es, drei Brennecke auf einer Entfernung von etwa 60 Schritt auf einem Bierdeckel zu platzieren! "Genau das Richtige für unsere Drückjagden an der Mais- oder Schilfkante", dachte ich mir. Natürlich sollte die Flinte aus Suhl, der Heimat klassischer und hochwertiger Flinten, stammen. Nachdem ich durch Zufall bei meinem heimischen Büchsenmacher ein entsprechendes Modell der ehemaligen Büchsenmacherhandwerksgenossenschaft, der sogenannten Bühag, fand und wir uns über den Preis geeinigt hatten, war ich stolzer Besitzer einer Suhler Querflinte im Kaliber 16/70, Jahrgang 1954 inklusive "Ziel 4". Im heimischen Niederösterreich wurde ich zunächst belächelt, aber die Führigkeit verbunden mit guten Trefferergebnissen brachte selbst den überzeugtesten Kritiker rasch zum Schweigen. Im folgenden Herbst führte ich die Flinte aber zum ersten Mal in ihrer alten Heimat, wo sie natürlich nach meinen stolzen Erzählungen und überschwänglichem Lobgesang schnell das Interesseweckte. Dass ich die Querflinte einem alten erfolgreichen Sportschützen in die Hand drückte, der in seinem Leben sicherlich mehr als 100. 000 Schuss mit Suhler Flinten gemacht hat, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht – ansonsten wäre ich vermutlich erheblich zurückhaltender mit dem Lob gewesen. Denn bereits nach zwei Minuten flüchtiger Begutachtung hieß es: "Schloss klappert, Schiene ist locker, der Vorderschaft hinüber!" Innerhalb weniger Sekunden wurde aus meiner Traumwaffe ein Haufen Schrott. Sollte ich von meinem Büchsenmacher etwa übers Ohr gehauen worden sein? Doch mein sächsischer Freund relativierte: "Aber ansonsten eine gute Waffe. Die Läufe sind in Ordnung. Da kann man noch was daraus machen!"

Verjüngungskur

Alt.jpg © Axel H. StorchGrößer Eigentlich bin ich kein Freund davon, Geld in ein Fass ohne Boden zu werfen, doch inzwischen hatte ich mich so an "meine Suhlerin" gewöhnt und beschloss daher, ihr eine Verjüngungskur zu spendieren. Mir war klar, wenn jemand etwas von einer in der Bühag gefertigten Flinte versteht, finde ich ihn in Suhl. Ein Jagdfreund empfahl mir die Firma Gebrüder Adamy, die bereits seit 150 Jahren dem Büchsenmacherhandwerk in familiärer Tradition nachgeht. Schrill läutet die Klingel an der vergitterten Eingangstür. Freundlich werde ich von dem Inhaber, Helmut Adamy, begrüßt und durch das etwa 20 Quadratmeter kleine Ladengeschäft und über eine knarrende Holztreppe in das Obergeschoß ins Büro geführt. Während ich das – mittlerweile in Deutschland vorgeschriebene – Schloss meines Stofffutterals öffne und auf den Tisch lege, steckt sich der 58-jährige Maschinenbauingenieur und Büchsenmachermeister genüsslich einen Zigarillo an. Neugierig untersuchen die fachmännischen Augen zunächst das Beschusszeichen und den Hersteller. "Ortlepp und Sohn. Leider nicht von uns", sagt Adamy etwas enttäuscht und mit einem kleinen Augenzwinkern. Nicht ohne Grund, denn Helmut Adamy ist bereits die sechste Generation in der Familie, die dem Büchsenmacherhandwerk verfallen ist. Gespannt warte ich auf das Urteil des Fachmanns. Statt harter Worte, bekomme ich erklärt, worauf man bei einer gebrauchten Querflinte achten muss.

Blick des Fachmanns

Laufschienelösen.jpg © Axel H. StorchGrößer "Wichtig ist, dass die Läufe keine Rostnarben aufweisen und glatt sind." Dies ist erfreulicherweise der Fall. "In dem linken Lauf war mal eine Beule drin, die nicht ganz astrein ausgebeult wurde, aber das kriegen wir schon hin." Dann weisen die von handwerklicher Arbeit gezeichneten Finger in Richtung Patronenlager. Ein gutes Kriterium, um zu erkennen, ob die Flinte viel genutzt wurde, seien die Ränder der Auszieher: "Sind die Kanten scharf, ist dies ein gutes Zeichen, während abgerundete oder gar fehlende Kanten ein Zeichen für eine extreme Abnutzung sind. Dann passiert es schon mal, dass der Patronenrand über den Auszieher rutscht." Um den Verschluss zu prüfen, wird die Flinte geschlossen und kräftig daran gewackelt. Das seitliche und vertikale Spiel beim Hin- und Herwackeln verrät eindeutig, dass auch hier etwas gemacht werden muss. "Die klappert ganz schön, und der Verschluss zieht nicht ganz an. So hätte Ihnen die eigentlich gar nicht verkauft werden dürfen. Und wenn, dann zumindest mit der Auflage, dass Sie zum Büchsenmacher gehen und den Verschluss abdichten lassen", sagt der Thüringer stirnrunzelnd. Dieses verstärkt sich, als ich erwähne, dass ich die Flinte von meinem Büchsenmacher erworben habe. Helmut Adamy, der sich als Vorsitzender des Bundesinnungsverbandes für das Büchsenmacher-Handwerk einsetzt, und sich nicht gerne über Kollegen äußert, kann sich jedoch nicht wirklich zurückhalten. "Das muss halt jeder mit sich selbst ausmachen, aber eigentlich darf eine Waffe so nicht rausgehen!" Ursprünglich verlangte mein heimischer Büchsenmacher satte 1.350 Euro für die Waffe, da sie als Sammlerstück wertvoll sei. Schließlich sei die Flinte "DVP" gestempelt und von der Deutschen Volkspolizei genutzt worden. Letztlich konnte ich sie – nachdem sie fast zwei Jahre lang im Laden eingestaubt war – für 450 Euro erwerben. Noch zu viel, wie mir das leichte Kopfschütteln des 58-Jährigen verrät, der sich lieber erneut der Zustandsanalyse widmet. "Der Scharnierstift muss gegen einenstärkeren ersetzt werden, damit das Verschlussstück weiter nach vorne gezogen wird, um den Verschluss abzudichten." Der Kauf einer Gebrauchten lohne sich nur noch, wenn der Abstand zwischen Stoßboden und Laufbündel weniger als zirka einen Millimeter beträgt. "Ist das Spiel hingegen größer und kann man mühelos hindurchschauen, wenn man die Waffe gegen das Licht hält, oder gar einen Hut durchwerfen, dann legt man sie am besten auf den Amboss und holt einen großen Hammer", erklärt Adamy.

Genaue Untersuchung

Zwei Handgriffe und der Laufhaken liegt auf dem ausgestreckten Zeigefinger der linken Hand und das Laufbündel hängt senkrecht nach unten. Die Hämmerchenprobe soll nun aufzeigen, ob die Laufschiene noch fest verlötet ist. Dies sei wichtig, damit beim Kochvorgang nach der Streichbrünierung keine Flüssigkeit aus undichten Stellen der Laufschiene herausläuft und anschließend für hässliche weiße Flecken auf der schwarzen Außenhaut sorgt. Flott tanzt das Hämmerchen zwischen den Läufen auf und ab und erzeugt einen hellen, gleichmäßigen Ton. "So muss sich das anhören, wenn die Schiene fest ist." Nach nur einem weiteren Schlag erklingt ein dumpfer Ton. "Oh, hier klingt die Schiene wie ein Dappsocken", sagt Adamy lachend, "also wie eine Pantoffel. Sie ist lose und muss neu gelötet werden!" Nun geht es ans Innenleben. Da sich die Schraube am Abzug selbst vom kräftigen Sven Adamy nicht lösen lässt, wird der Schraubenzieher in die alte Drehbank eingespannt. Nach wenigen Sekunden ist die Schraube gelöst und Rost und vergammelte Metallteile kommen zum Vorschein. Bei dem nächsten Arbeitsschritt wird es warm: Blau-gelbe Flammen umhüllen die im Schraubstock festgehaltenen Läufe, und weißer Rauch steigt auf, der mich ein wenig an die letzte Papstwahl erinnert. Mit einer Zange entfernt der Büchsenmacher die Schiene. Zum Vorschein kommen Erinnerungen an 54 Jahre harten Jagdeinsatz: Dreck, nichts als Dreck und Rost. Doch Adamy ist zuversichtlich und verabschiedet sich von mir mit den Worten: "Das kriegen wir schon hin, Sie werden die Waffe in ein paar Wochen nicht wiedererkennen. Ich melde mich bei Ihnen." Mit einem guten Gefühl steige ich in mein Auto und fahre heim.

Wie neu


Sechs Wochen später ist es so weit. Ich packe das Paket aus und traue meinen Augen kaum. Seidenmatte Läufe und ein glänzender Systemkasten! Diese Verjüngungskur hat sich wahrlich gelohnt, auch das stark in Mitleidenschaft gezogene Schaftholz schaut wie neu aus. Schnell nehme ich meinen Hund an den Strick, greife mein Jagdgerödel und Lockkrähen. Nach nur einer Stunde am abendlichen Lockbild liegen immerhin fünf Rabenkrähen. Überglücklich über meine "neue" Querflinte kehre ich heim und danke in Gedanken meinem sächsischen Freund für seine Idee der "Verjüngungskur". Ob ein Aufarbeiten einer alten Flinte Sinn macht, muss jeder für sich entscheiden. Stellt man die Gesamtkosten (siehe Kasten unten, Kauf und Überarbeitung) in Höhe von rund 1.400 Euro dem Kaufpreis für eine "Flinte von der Stange" gegenüber, ist die zweite Alternative preiswerter. Eine Aufarbeitung ist daher vor allem für traditionsbewusste Jäger empfehlenswert, die gerne mit handwerklich gefertigten Waffen waidwerken. Oder für diejenigen, die mit ihrer Flinte viele schöne Jagderlebnisse verbinden und ihr eine Verjüngungskur gönnen wollen.

Kosten auf einen Blick

1. Lauf: Löten (inkl. Säubern): 150 bis 200 EUR
Polieren: etwa 30 EUR
Brünieren: 120 EUR
2. Schaft: Vorderschaft neu: 150 bis 200 EUR
Hinterschaft (aufarbeiten, Schlagstellen rausschleifen)
: 200 bis 300 EUR
Fischhaut: 70 EUR
3. Verschluss: Scharnierstift erneuern: 75 bis 150 EUR
4. Beschuss (nötig, wenn an wesentlichen Waffenteilen gearbeitet wird, z. B. Verschluss abdichten): rund 50 EUR
5. Nitrieren: 40 EUR
6. Zusammensetzen: 50 bis 100 EUR Gesamtkosten: zwischen 925 und 1.250 EUR

Interview mit dem Büchsenmacher

Adamy Helmut.jpg © Axel H. StorchGrößer St. Hubertus hat Helmut Adamy zum Thema befragt.

St. Hubertus: Herr Adamy, wann lohnt sich noch eine Investition in eine alte Flinte?

Helmut Adamy: Das hängt vom Allgemeinzustand ab, aber das Wichtigste ist der Zustand der Läufe. Kein Geld würde ich in eine Flinte stecken, bei der die Läufe viele Beulen, starke Rostnarben oder Schlagstellen aufweisen oder der Verschluss so undicht ist, dass ein Abstand zwischen System und Laufbündel von mehr als ca. einem Millimeter vorhanden ist. In diesen Fällen ist die Verschrottung jeweils die bessere Wahl. Die Äußerlichkeiten werden oft überschätzt, eine alte Flinte muss nicht glänzen wie die Silberbüchse von Winnetou. Brünieren und schwarz machen kann man sie immer noch, aber die Läufe sollten von der Laufwandlung her in Ordnung sein, das heißt stark genug.

St. Hubertus: Lässt auch der Schaft Rückschlüsse auf den Gesamtzustand einer Waffe zu?

Adamy: Sicher, hier ist darauf zu achten, dass sich in der Verlängerung des Sicherungsschiebers zur Schaftnase keine Risse zeigen; dann ist Schaft quasi nicht mehr zu retten. Man kann bei dem Griff und den Bäckchen anhand der Abnutzung und den damit verbundenen Rundwätzungen erkennen, dass die Flinte gebraucht worden ist.

St. Hubertus: Sie haben soeben festgestellt, dass es durchaus Sinn macht, die alte Bühag- Flinte aufzuarbeiten? Können Sie den Wert dieser Flinte schätzen?

Adamy: Man muss beim Kauf immer mit einkalkulieren, was man noch investieren möchte. In einem unbearbeiteten Zustand liegt der faire Verkaufspreis zwischen 150 und 350 Euro, je nach Zustand.

St. Hubertus: Was gehört bei einer umfangreichen Aufarbeitung einer Flinte dazu?

Adamy: Das hängt je vom Zustand ab, aber bei einer 50 Jahre alten Waffe ist neben den grundlegenden Funktionen (z. B. Verschluss abdichten) sicherlich notwendig, die Oberfläche zu behandeln. Dazu gehört ein Nitrierbad für den Verschluss als Korrosionsschutz sowie eine Streichbrünierung für Läufe und Kleinteile wie Abzugsbügel.

St. Hubertus: Worin liegt der Unterschied zwischen Streich- und Tauchbrünierung?

Adamy: Eine Tauchbrünierung ist zwar schneller und nicht so aufwändig, eignet sich jedoch nicht für weich verlötete Teile. Durch die andere chemische Zusammensetzung des Brünierbades wird die Lötnaht (insbesondere das Zinn) angegriffen, und das Weichlot löst sich auf. Bei einem Schuss können sich dann die Läufe aufpilzen und sehen dann einem Blumenstrauß ähnlicher als einer Flinte.

St. Hubertus: Gibt es bei alten Flinten in Bezug auf die Verwendung von Stahlschroten etwas zu beachten?

Adamy: Man muss wissen, dass die Chokes bei alten Flinten in der Regel mit einem sehr steilen Übergang vom zylindrischen Teil in Richtung Choke hin gefräst wurden. Beim Beschießen mit Stahlschrot kann es passieren, dass die Flinte an der Mündung "dicke Backen" macht und aufbaucht. Man kann die Chokes zwar nacharbeiten, aber die Konstellation Vollchoke und Stahlschrot ist generell nicht gerade empfehlenswert.

Info Bühag

Nach dem 2. Weltkrieg durften aufgrund des Kontrollratsbeschlusses in Deutschland eine Zeit lang keine Waffen hergestellt werden. Die bestehenden Firmen bauten daher zunächst nur Haushaltsgeräte, meistens Mandel- oder Mohnmühlen. Später durften nur Flinten, jedoch keine Büchsen gefertigt werden. Die Büchsenmacherhandwerksgenossenschaft wurde im Mai 1949 (vor Gründung der DDR) gegründet, um ein Sprachrohr für die bestehenden Betriebe zu bilden sowie gemeinsam den Ein- und Verkauf zu steuern. Ursprünglich waren in Suhl 50 reine Büchsenmacher und 450 weitere Zulieferbetriebe (Schäfter, Rohrmacher, Schlossmacher u. a.) ansässig. In Suhl hat sich über Jahrhunderte eine sehr große Arbeitsteilung und somit auch eine sehr hohe Spezialisierung herausgebildet. Es gab etwa 20 Einzelberufe im Rahmen des Büchsenmacherhandwerks. Heute sind noch etwas über 30 Betriebe in der Handwerksrolle eingetragen, darunter sehr viele Alleinmeister. Kurz nach der Wende liquidierte sich die Bühag, da sich die Mitglieder u. a. nicht darauf einigen konnten, ob die Bühag in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt werden sollte. Es sind noch viele alte Flinten der Bühag im Umlauf. In den 1950er- Jahren wurden in der Bühag noch doppelt so viele Flinten gebaut, wie im ganzen volkseigenen Sektor.
29.07.2010 08:00

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