Gustostück

Ein bayerisches Meisterstück für Afrika

Knapp fünf Jahre vergingen vom Planungsanfang bis zur Fertigstellung der handgefertigten Doppelbüchse, doch nun ist es geschafft. In unzähligen Arbeitsstunden und mit mühevoller Kleinarbeit hat der junge Büchsenmachermeister Vitali Grauer (30) sein Meisterstück gefertigt, das nun exklusiv für St. Hubertus zum Test vorliegt.
Meisterstück_1.jpg © Dr. Frank B. Metzner und Jan F. EckertGrößer Für die Jagd im Nahbereich auf Afrikas Big Five (Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard) gilt die Doppelbüchse (DB) nach wie vor unter Großwildjägern als die erste Wahl. Wenn es darauf ankommt, ist der zweite Schuss sofort verfügbar, ohne nachzuladen oder zu repetieren.

In manchen Situationen, wie bei der Jagd auf gefährliches Wild in unübersichtlichem Gelände, sind diese Sekundenbruchteile entscheidend. Aber nicht nur aus der Sicht eines Jägers ist die Doppelbüchse interessant. Für den nun ausgezeichneten Büchsenmachermeister waren es vor allem auch die technischen Herausforderungen, die die Wahl auf eine solche Waffe fallen ließen. Bei Jagdwaffen in Großwildkalibern treten enorme Kräfte auf, die sowohl bei der Konstruktion als auch bei der Fertigung zu berücksichtigen sind. Zudem setzte sich der Büchsenmacher das Ziel, die Doppelbüchse mit Holland & Holland (H&H) Seitenschlösser zu fertigen. Diese sollten mit Fangstangen, Rücksprung und mit rückliegenderr erhöhten Schwierigkeitsgrad bedeutet. Die Prüfungskommission der Handwerkskammer Münster war einverstanden und gab die Zustimmung zur Fertigung der Waffe. Diese musste ohne Zukaufteile gefertigt werden, abgesehen von den Läufen.

Welches Kaliber?


Die erste entscheidende Frage für Grauer war die Wahl des Kalibers, da hiervon nicht nur die Abmessungen der Läufe und Patronenlager abhängig sind, sondern auch die gesamte Dimensionierung der restlichen Waffenteile. Die Büchse sollte alltagstauglich sein und nicht nur in einer Vitrine als Ausstellungsstück dienen. Das Kaliber musste so gewählt werden, dass die Munition genug Leistungsreserven hat, um auch einen afrikanischen Dickhäuter waidgerecht und schnell erlegen zu können. Besonders bewährt haben sich dafür Kaliber im Bereich .416, im Speziellen das Kaliber .416 Rigby, das unter vielen Sport- und Großwildjägern als das Afrikakaliber schlechthin gilt. Leider ist dieses Kaliber jedoch mit einem kleinen Nachteil behaftet. Die Patrone wurde vor allem für Repetierbüchsen entworfen und verfügt daher über keinen Rand. Dieser ist bei einer Doppelbüchse aber von großem Vorteil. Denn die gezündeten Hülsen müssen sich leicht aus den Patronenlagern entfernen lassen, um die Waffe bei Bedarf zügig nachladen zu können. Es ist zwar möglich, mit einem erhöhten Aufwand die .416 Rigby in einer DB zu verschießen, das ist aber problematisch und zudem ein Stilbruch.Dieses Problem erkannten vor knapp zwei Jahrzehnten auch deutsche Büchsenmacher, die zusammen mit Munitionsexperte Wolfgang Romey eine Randpatrone konstruierten, die über die gleichen ballistischen Eigenschaften wie eine randlose .416 Rigby verfügt. Um dies zu erreichen, wurde eine .500 Nitro Express 3 ¼" auf einen .416er Durchmesser eingezogen, wobei sich aus der ursprünglich konisch zulaufenden Hülse eine Flaschenhalshülse ergab. Nach britischer Manier, bei der zuerst die Ausgangshülse genannt wird, wurde die Hülse dann auf die Kaliberbezeichnung .500/.416 Nitro Express 3 ¼" getauft.

Da es die Patrone aber nur mit einer Hülsenlänge gibt, wurde die Angabe 3 ¼" überflüssig, sodass man heute nur noch den Name .500/.416 Nitro Express verwendet. Vorgestellt wurde das neue Kaliber im Jahr 1996. Nachdem – wie erwartet – die Anfragen nach den Patronen stiegen, begannen auch bekannte Hersteller, wie das deutsche Labor für Ballistik und die US-Firma Norma, mit der Serienfertigung der Munition.

Weniger ist mehr

Meisterstück_3.jpg © Dr. Frank B. Metzner und Jan F. EckertGrößer Neben einem guten Präzisionspotenzial hat die Patrone einen weiteren großen Vorteil. Sie kommt bei der Beschleunigung des Geschosses mit einem Gasdruck von nur 2.850 bar aus, während bei einer .416 Remington- oder Weatherby Magnum schon 3.700 bzw. 3.800 bar entstehen. Bei der Jagd in unseren Gefilden stellt das mit Sicherheit keinen Unterschied dar. Beim offenen Tragen der Waffe an einem heißen Sommertag wirken jedoch hohe Temperaturen auf die Waffe ein. Im Einzelfall sind das bis zu 65° C, die dann zu erhöhten Gasdrücken beim Schießen führen und das Material bis an seine Belastungsgrenze beanspruchen. Zudem ist die .500/.416 Nitro Express nicht unnötig stark, was ein angenehmes Rückstoßverhalten mit sich bringt. Sie schiebt zwar kräftig nach hinten, es ist aber kein kickender, durchgehender Impuls, wie man ihn von anderen Waffen der .500er-Klasse kennt. Die Laufrohlinge lieferte die Firma Heym, die nicht nur für ihre hochwertigen Jagdwaffen bekannt ist, sondern auch Läufe für alle bekannten Kaliber fertigt.

Und das gelingt in einer so hohen Qualität, dass auch andere deutsche Premiumhersteller ihre Läufe dort beziehen. Die Rohlinge werden hier gehont und danach kalt gehämmert. Dabei wird das Material etwas verdichtet, wodurch eine sehr widerstandsfähige und verschleißarme Oberfläche entsteht. Handgefertigte Läufe so herzustellen, dass sie mit der Genauigkeit und Haltbarkeit solcher maschinell gefertigter Läufe mithalten können, ist nahezu unmöglich. Die Basküle stellte Grauer aus einem Stück her, was sehr aufwendig ist und absolut präzises Arbeiten erfordert. Beim kleinsten Fertigungsfehler müsste wieder ganz von vorn begonnen werden und etliche Arbeitsstunden wären dahin. Als Material diente hier ein 42CrMo4-Vergütungsstahl, der sowohl über eine hohe Festigkeit als auch Zähigkeit verfügt und damit bestens für die dynamischen Belastungen der Waffe geeignet ist.

H&H lässt grüßen

Meisterstück_4.jpg © Dr. Frank B. Metzner und Jan F. EckertGrößer Die beiden Seitenschlösser wurden aus einem C45-Stahl hergestellt, der besonders gut zu härten ist. Die Konstruktion der Schlosse mit Fangstangen stammt ursprünglich von der bekannten englischen Firma Holland & Holland. Diese setzte Vitali Grauer dann in mühevoller Handarbeit um. Das Seitenschloss ist der direkte Nachfahre des Hahnschlosses, wobei der Hahn nur von außen nach innen verlegt wurde. Hahn, Hahnlagerung, Rast und Stange sind auf Seitenplatten montiert und im Gegensatz zu einem Kastenschloss nicht in einem Kasten gelagert. Im Gegensatz zu modernen Seitenschloßen enthalten sie keine Schraubfedern. So interessant die Fertigung ist, so kompliziert ist diese auch, weil u. a. gerade bei diesem Seitenschlosstyp enorme Kräfte auf die Stangennase wirken. Seitenschlosse nach H&H sind sehr sichere Schlosse. Unfälle, die auf ein technisches Versagen zurückgehen, sind in der Fachliteratur unbekannt. Sie erfordern aber ein dezidiertes Arbeiten, gerade beim Einstellen der Abzugswiderstände.

Dieser Waffentyp wird schon fast ehrfürchtig als Sidelock, als Fine Gun, als Herrenwaffe bezeichnet. Sie ist eine Wertanlage, die für mehr als eine Generation gebaut ist. Im Gegensatz dazu steht die klassische Waffe der Berufsjäger, der Professional Hunter (PH), die meist eine technisch einfachere und preisgünstigere Waffe führen, eine Boxlock, eine Working Gun. Aufgrund dieser Konstruktion verzichtete Grauer auch bewusst auf Signalstifte und auf Ejektoren, da der Schwierigkeitsgrad zur Herstellung der Waffe schon hoch genug war. Die Außenplatten sind noch ungraviert. Das ist auch auf die zu erwartenden Kosten zurückzuführen, da dies bei einem Meister des Fachs, der für eine solche Waffe zu konsultieren ist, mit mindestens 5.000 € zu Buche schlägt.

Präziser Feinschliff


Im nächsten Arbeitsschritt erfolgte die Endbearbeitung der Heym-Laufrohlinge sowie ihre Verlötung. Vor der endgültigen Feinjustierung wurden sie jedoch, wie es bei hochwertigen Jagdwaffen üblich ist, erst eingeschossen. Das Einschießen erfolgt auf die klassische Weise durch das Auf- und Neuverlöten der Läufe. Dabei wird immer wieder der Laufkeil nachjustiert, bis die Stellung der Läufe zueinander passt und die einzelnen Treffergruppen ineinander verschwimmen.

Die Patronenlagerflächen des 61 cm langen Laufbündels wurden in mehreren Arbeitsschritten poliert. Der Vorteil dabei ist, dass nach einer Schussabgabe die Waffe gebrochen wird. Durch Abkippen fallen die gezündeten Hülsen dann selbstständig heraus. Das funktionierte bei dieser Waffe im praktischen Test auch sehr gut. Bei den verwendeten Abzügen handelt es sich um ein Direktabzugsystem ohne Stecher. Der Abzugswiderstand beträgt beim vorderen 1.600 g, beim hinteren Abzug 1.800 g. Neben den in den Schlossen eingebauten Fangstangen minimiert auch dieser höhere Abzugswiderstand des hinteren Abzugs das Risiko des Doppelns und dient der zusätzlichen Sicherheit.

Der Lauf schießt, der Schaft trifft

Das Holz für den 37 cm langen Hinterschaft wählte der junge Büchsenmachermeister nach dem Gestaltungsgrundsatz "form follows function" aus. Hierbei legte er bei dem Nussbaumstück besonderen Wert auf eine geradlinige Struktur, die sehr belastbar ist. Schließlich muss der Schaft einen nicht unwesentlich großen Rückstoßimpuls aushalten, bei dem ein Schaft mit einer ungünstigen Faserrichtung durchaus zu Bruch gehen kann. Er wählte dazu zwar ein gut gemasertes Stück kaukasischen Nussbaums aus, jedoch auch ein einfaches und offenporiges Stück, was aber immer noch knapp 500 € im Einkauf kostet. Bei einer so aufwendigen Waffe hätte man sich jedoch ein edleres, dunkleres und poliertes Schaftholz gewünscht, das die Exklusivität dieses Einzelstücks unterstreicht. Die Fischhaut wird nach der Gravierung der Systemverlängerung noch eingeschnitten, da dann eventuell noch kleinere Anpassungsarbeiten nötig sind. In den Schaft integriert sind die Verlängerung des Abzugsbügels (unten) und des Systems (oben), was als full length tang bezeichnet wird, bei allen legendären englischen Büchsen zu finden und technisch sehr anspruchsvoll ist. Ob es wirklich, wie oftmals angepriesen, die Rückstoßbelastung auf den Schaft minimiert ist strittig, es sieht optisch sehr gut aus und zeugt von handwerklicher Kunst.

In der Praxis

Meisterstück_5.jpg © Dr. Frank B. Metzner und Jan F. EckertGrößer Trotz aller technischen Feinheiten ging es mit der Waffe nun auf den Schießstand. Nur dort lässt sich die Funktion wirklichtesten. Sehr verwunderlich ist die Tatsache, dass von fast allen Handwerkskammern die Meisterstücke der angehenden Büchsenmacher nur nach "Aussehen" bewertet werden. Ein Schusstest findet in aller Regel nicht statt.
Obwohl die .500/.416 Nitro Express mit 16 € pro Stück unter den Großwildpatronen im preislichen Mittelfeld liegt, haben wir uns auf zehn Schuss beschränkt. Ein weiterer Grund war, dass die weißfertige Waffe, die kurz zuvor von dem Amt Mellrichstadt beschossen wurde, noch nicht abschließend eingeschossen ist. Wir entschieden uns für einen Funktions- und Präzisionstest im Nahbereich.

Dieser war eine simulierte Nachsuchensituation auf einen annehmenden Büffel in einer Distanz von 12 m. Diese DB ist dafür bestens geeignet, da sie nur über eine offene Visierung, ohne Aufnahmemöglichkeit eines Zielfernrohrs, verfügt. Sie verfügt über ein rotes fluoreszierendes Korn und eine feste, klassische, englische V-Kimme für den 10-m- Bereich, mit zwei zusätzlichen Klappkimmen. Diese sind für die Bereiche 50 und 100 m ausgelegt.

Schussverhalten

Was gleich angenehm auffiel, war das moderate Rückstoßverhalten der Großwildbüchse. Es ist durchaus möglich, nach dem ersten Schuss wieder rasch ins Ziel zu kommen und für den zweiten Schuss bereit zu sein. Hier hat sich mal wieder ein schulterbreiter, in Schrittstellung ausgerichteter Stand mit frontaler, leicht vorgeneigter Oberkörperausrichtung bewährt, wie er im Combatschießen Anwendung findet. Damit hat man eine gute Waffenführung und kann den Rückstoßimpuls sehr gut aufnehmen. Der klassische Jagdstand, bei dem die Füße in L-Position stehen und der Arm der Schießhand stark abgewinkelt ist, ist hier nachteilig. Damit ist man unbeweglicher und der Körper kann den Rückstoß nicht so gut absorbieren. Der Beschusstest ergab bei drei unterschiedlichen Testern ein durchschnittliches Trefferbild von 10 cm, was die Briten als "grapefruit accuracy" bezeichnen.

Da das Laufbündel, das meist auf 80 m eingeschossen wird, noch nicht mittels des herausstehenden Keils zwischen den Läufen exakt reguliert ist, ist dieses Ergebnis noch stark zu verbessern.

Es wird die letzte Herausforderung für Grauer bei dieser Waffe sein, eine Aufgabe, die bei Premiumherstellern ein eigenes Berufsbild darstellt. Danach erhält die Waffe abschließend eine Streichbrünierung und ist einsatzbereit.

Fazit


Man erkennt bei der Doppelbüchse die hochwertige Verarbeitung und die funktionelle Liebe zum Detail. Die 105 cm lange Waffe liegt ausgewogen in der Hand und liegt mit 5,2 kg Gesamtgewicht im Mittelfeld dieser Art von Doppelbüchsen. Ein geringeres Gewicht ist allerdings aufgrund der soliden Bauweise nicht möglich. Wegen des starken Kalibers ist das auch nicht zu empfehlen. Trotzdem die Waffe noch nicht abschließend fertig ist, auch weil wir die DB so beschreiben wollten, wie sie der Prüfungskommission vorlag, ist sie als gelungenes Liebhaberstück zu bezeichnen. Nach finaler Feinjustierung ist mit einer Präzisionsverbesserung zu rechnen. Verkaufen möchte Vitali Grauer, der bei Waffen Albert in Schweinfurt arbeitet, sein Meisterstück nicht. Auf Kundenwunsch fertigt er gerade eine ähnliche Waffe an, für die eine Lieferzeit bis zu einem Jahr und ein Preis (ohne Gravuren) von ca. 18.000 € zu kalkulieren ist.

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