Größer
Schuld daran war nur der alte billige
Spannteppich. Eine kreisrunde Fläche flauschigen Flors war so abgewetzt, dass man das fadenscheinige Gespinst sah, sofern es nicht vom "ortsfesten Doppler" gnädig verdeckt wurde. Ja eigentlich war dessen nachhaltige Nutzung die wahre Ursache der massiven Zerstörung, von den malerisch im wörtlichen Sinne hingegossenen rubinroten Flecken ganz zu schweigen. Jahrelang wurzelten hier in der flachen Mulde Generationen von Weinflaschen griffbereit neben dem Schreibtisch.
Ob dieser Schaden sich gewinnbringend beheben ließe? Scharfsinnig suchte Werner B. nach einer Lösung.
Hatte Konstantin R., sein Versicherungen verhökernder Waidkamerad, auf einer vorgeblichen "Jagdreise" nicht außereheliche Kontakte geknüpft, deren Früchte noch die nächsten Jahre sein Konto mit monatlichen Abbuchungen belasten würden? "Wer A sagt, muss auch limente sagen", witzelte er vor sich hin. Beträchtliche Summen, die Konstantin an seiner Frau vorbeischmuggelte, denn wenn sie für die Passion ihres Mannes Verständnis aufbrachte,für seine notorische Leidenschaft der Brunft in fremden Revieren tat sie es nicht. Wie wäre es, wenn Werner B. in Gegenwart der Gemahlin von Konstantin R. diese "Exkursion" beiläufig erwähnen würde? Gedacht, getan – und weil Werner B. kein Unmensch war, schlug er ihm einen knallhart-gütlichen Deal vor: "Du regelst mir das mit dem Teppich, dafür verschaffe ich Dir einen günstigen Abschuss eines hochkapitalen Ier-Hirsches." Peinlich berührt stieg Konstantin R. auf den Handel ein und bald schon stand der Lieferwagen eines renommierten Orientteppich- Händlers vor der Tür. Nun wurdeWerner B. aktiv, um dem "alten Spezi" zu seinem Diskont-Cerviden zu verhelfen.
Dafür kam nur einer in Frage: Franz-Hermann A., Pächter eines Rotwildrevieres und Chefredakteur eines linientreuen Jagdorgans. Ein Mann, der es gewohnt war, mit gebieterischem Gestus aus munter sprudelnden Quellen zu schöpfen – von Ausrüstung bis zu Jagdreisen konnte er auf ein reichliches Angebot verweisen, an dem er gern auch "Freunde" zu wohlfeilen Konditionen teilhaben ließ. "Wissen ist Macht", lächelte Werner B. vor sich hin. Speziell wenn man über brisante Details verfügt, deren Öffentlichkeitswert nicht zu gering ausfällt. Etwa der in heimischen Gefilden erlegte Luchs, der nach gemeinsam durchzechter Nacht beim Morgenansitz zur Strecke kam. Das hätte auch die fehlende Landesjagdkarte nicht legitimiert.
Das Foto des übernächtigt mit verquollenen Augen dümmlich grinsenden Franz- Hermann, der mit dem "Victory-Zeichen" posierte, war auf drei externen Festplatten sicher verwahrt. Nein, diese Tat des Freundes drückte zu sehr auf das Gemüt des aufrechten Werner B.,dazu konnte er nach langem Ringen nicht mehr schweigen. Franz-Hermann wurde blass und begann zu schnaufen. Für den flammenden Propagandisten der Waidgerechtigkeit wäre dies trotz starker Lobby das endgültige Aus.
Man einigte sich – und obendrein durfte sich Werner B. noch aus dem vielfältigen Fundus originalverpackter Ware nach freier Wahl etwas aussuchen. "Lass mich überlegen, ich ruf Dich aber an, wenn ich etwas brauche", freute sich Werner B. und zog von dannen. Zufällig traf er auf Jungjäger Gerhard C., dem er dank seiner guten Verbindungen eine wahre Okassionaufschwatzte. "Ich habe da einen nagelneuen Repetierer samt Glas der neuesten Generation an der Hand. 20% unter VK plus 100 Schuss gratis", lockte Werner B. den hoffnungsfrohen Adepten, der sein Glück kaum fassen konnte. "Du musst nur versprechen: kein Wort zu jemanden." Wenige Minuten späterröhrte Franz-Hermanns Handy. Auch dem Spender des antiken Orientteppichs war Fortuna plötzlich hold: "Du weißt ja, auf mich ist Verlass. Man muss nur die richtigen Leute kennen, dann läuft es" – hier hielt er kurz inne – "wie geschmiert." Natürlich war der Abschuss ein echtes Schnäppchen, das direkt an Werner B. bar zu bezahlen wäre. Denn: "Die ganze Aktion läuft absolut diskret." Somit profitierten alle von der Großzügigkeit des Werner B. Und wieder konnte er seinen Ruf als "Mann, an den man sich wenden kann" höchst einträglich beweisen. Verschwiegenheit lohnt sich halt oder "Gold" für alle eben.


